Albert Mambourg

Im Zuge Magrittes

Deutsch Roman
Op der Lay 165 2011
204 Seiten, Paperback
ISBN 978-2-87967-176-5 15,90 €

Nach Laura ist dieser Roman das zweite Buch von Albert Mambourg bei Op der Lay. Albert Mambourg lebt als gebürtiger Luxemburger seit vielen Jahren in der Schweiz.

Ein Leichenschmaus erster Klasse beim Sternekoch im Bären, alles Erlesene ist da: der Stadtpräsident in der Urne, die Gräfin von der Alp, sogar der Bischof, der Hausarzt Dr. Knock, der Psychiater Dr. Keller und weitere geladene Gäste. Als Margarete, die frische Witwe noch vor dem Achtgänger den Speisesaal verlässt, der Reitlehrer ihr hinterher, stellt Magritte sein Weinglas hin und folgt den beiden. Beim Ausgang wird er vom aufgebrachten Wirt aufgehalten: bei diesem Todesfall ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Er schalte die Polizei lieber nicht ein, wenn all seine Gäste beim Richter vortraben müssten, schade dies seinen Michelin-Sternen und den Gault-Millau-Punkten. Er, Magritte, möge doch bitte privat eine Enquete führen, dieser maroden Gesellschaft auf den Zahn fühlen. Anfangen soll er an der Traueradresse: Witwe Margarethes Haus am See.
− Kennen Sie Margarethe?
− Ich sah sie eben mit ihrem Reitlehrer hinausgehen.
− Welch harmonische Bewegung des Leibes… und ungestüm wie eine junge Stute! Versuchen Sie, sie allein zu treffen! Am besten kurz vor Mittag, man sagt, sie mache es am liebsten stehend vorm dampfenden Kochherd.
Magritte schnüffelt an der Duftspur. Er pirscht sich heran in der Villenzone, erklimmt die Burgtore, die Befestigungsmauern. Die Häuser am See sehen ordentlich aus. Die Oberfläche ist regelmäßig. Es gibt nur gerade Linien, längs und quer, ein mathematisches Ordnungssystem, in der Sitz- und Tischordnung, in der Architektur. Alles klar und sauber. Magritte kennt diese Manieren, er selber trägt sie im Gesicht, die Triebe darunter sieht man nicht. Er dringt in die Schlafzimmer vor, ins Allerheiligste, um das die Mauern gebaut sind. Er führt die aufbewahrten Königinnen ein in die Handwerkskunst der Liebe, den Ritt durch die Tundra und den chinesischen Schlitten. Die eifersüchtigen Hausherren verteidigen ihr Hab und Gut wie Kampfhähne. Magritte kann sich oft erst in letzter Sekunde durch einen Fenstersprung in die dornigen Rosenstauden retten. Man schießt ihm hinterher mit einer Kalaschnikow. Ein gelber Hund, so groß wie ein Kalb, treibt den Nackten wie ein springendes Reh durch den nassen Morgentau der Parkanlage.
Es gibt noch den Bischof, der Magritte auf mittelalterlichen Tafeln die Anatomie des weiblichen Geschlechts erklärt und wissen will, was denn so besonderes an diesem Organ daran sei. Magritte erklärt das Geheimnis dieses Bermudadreiecks, worin ganze Menschen sich verlieren; des origine du monde, warum sich die Welt und alles Religiöse um ein kleines Nichts dreht.
Im Zuge Magrittes ist eine fulminante Gesellschaftssatire, witzig, poetisch, aber auch schlimm und tragisch: immerhin gibt es am Schluss vier Todesfälle, die es aufzuklären gilt. Der zwanghafte Ordnungssinn treibt die normalen Kranken zum Seelenarzt Dr. Keller, der mit all den Zwangsneurosen einen vollen Ordner macht… und die Leute in die Akten übergehen.
Kommissar Maigret macht den Schlusspunkt: Er stellt allen Verdächtigen ein codiertes Strichkärtlein aus, das jeder bei sich tragen muss, um sich ausweisen zu können.


Auszug aus Im Zuge Magrittes

Beide stiegen die Stiegen hinauf.
− Das Ganze scheint mir sehr schön zu sein, sagte Magritte.
− Das Volumen des Hauses ergibt geometrisch einen Kubus, erklärte Margarethe. Die, wie Magritte sehen konnte, lediglich mit einem kaum zugeschnürten Morgenrock bekleidet war. Ein Einfall unseres paranoiden Architekten, sagte sie, der leider nicht mehr unter uns weilt, wie ich Ihnen vorhin berichtet habe. Der Kubus gibt architektonisch gesehen den größtmöglichen Raum her. Der Architekt hat den Kubus quer und schräg zusammengeschnitten, in kleine Stücke zerlegt, die er vereinzelt, doch nicht mehr zusammenpassend, wieder an- und übereinanderreihte, sodass die sich ergebenden Räume, rein rechnerisch zusammengefügt, einen Kubus, also den größtmöglichen Raum, ergeben mussten.
− Raffiniert, sagte Magritte, der im goldenen Einschnitt Margarethes, deren Morgenrock, wie oben bereits erwähnt, nur lose geschnürt war, die Regeln der angewandten Geometrie in der Form und Symmetrie der Brustkugeln und deren vorstehenden Warzen bestätigt sah. In Margarethe war die Hausherrin ausgebrochen:
− Das Erdgeschoss ist unterkellert, sagte sie. Im Erdgeschoss ist die Eingangshalle. Im ersten Stock der erste Stock, die Küche, der Aufenthaltsraum und das Elternschlafzimmer.
Im zweiten Stock ist der zweite Stock, das Gäste- und die Kinderzimmer. Und unterm Dach der Dachboden…
Magritte unterbrach das Gespräch, als beide am Ende der Treppe angekommen waren:
− Die Räume gefallen mir, sagte er, weil Böden und Decken waagrecht, die Wände senkrecht zueinander stehen. Die Zimmer sind viereckig und immer aneinandergereiht. Hier steht ein Feuerlöscher, unterbrach Margarethe. Durch eine Tür gingen beide in einen geräumigen Aufenthaltsraum hinein, der auf einer Seite offen in die Küche, wo der Kochherd stand, überging… und geradeaus auf eine Balkonterrasse, zu der sie hingingen.
− Die Skischuhe gebe ich im Sommer in den Keller, stopfe sie mit alten Tageszeitungen aus, sagte Margarethe. Nichts veraltet so rasch wie die Tageszeitungen, sagte Magritte und schaute langen Blickes über den Balkon hinaus auf den See und in die Berge.



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