jeudi, 07 décembre 2017 11:57

Anja Di Bartolomeo: Chamäleons

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Sprache: Deutsch
Erzählungen

1. Preis Nationaler Literaturwettbewerb Luxemburg 2017

Op der Lay 187

2017, 132 Seiten, Paperback

ISBN 978-2-87967-230-4

12,90 €uro


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Nach Exit Schattenkopf ist Chamäleons das zweite Buch von Anja Di Bartolomeo, mit dem diese Schriftstellerin im Dezember 2017 als Preisträgerin im Nationalen Literaturwettbewerb in Luxemburg ausgezeichnet wurde.

„Alles was man unterdrückt, taucht irgendwann wieder auf. Wenn das Verborgene wieder an der Oberfläche erscheint, ist man allein. Den unendlichen, fremden Horizont vor den unruhigen Augen, die sich mit dem schnell pochenden Herzen zu einem Ungewissheitstanz synchronisieren. Wenn das Innere sich nach außen kehrt, ist jeder auf sich gestellt. Es gibt keinen guten und auch keinen bösen Geist, der einem dann zur Seite steht. Es gibt niemanden. Und nichts. Nichts als den Weg, der weit und dunkel vor dir liegt.“

Anja Di Bartolomeos Figuren sind Einzelgänger im schnellen Atem der Stadt. Sie warten und sind auf der Suche. Am Flughafen, vor fremden Häusern und in der Geisterbahn. Sie könnten ausbrechen. Sie sind wie wir. Chamäleons denen irgendwann die Farbe ausgeht.

Da ist Paul, der von Flughafen zu Flughafen und von Krise zu Krise reist und sich dabei selbst aus den Augen verliert. Es könnte anders sein. Wenn er sich nur losreißen könnte.
Da ist der nette Jimmy, der es einfach nicht schafft, das Leben der anderen zu leben. Untertaucht, wiederauftaucht und wieder verschwindet. Seine Freunde machen sich auf die Suche. Doch wonach eigentlich?
Gerti will in den Park. Zu den Blumen und den Tauben. Sie trifft Clemens, der nur eines im Kopf hat. Endlich den großen Coup landen und von seinem Chef mit Vornamen angesprochen werden. Alles kommt anders
Sophie will ihren ersten Achttausender schaffen, die ganz große Coverstory. Um jeden Preis. Doch was ist der Preis?
Klara hat Nachtschicht. Morgen wird Joachim Metzger tot sein. Sie hat wenig Zeit, sich zu entscheiden. Acht Stunden um abzuschließen und endlich Rache zu nehmen.
Konstantin wechselt nur das Büro. Und Marie will eigentlich nur einen Brief abgeben. Auf dem Spiel steht so viel mehr.

In den acht Erzählungen geht um alles oder nichts. Um die kalte Angst vor dem nackten Leben und die unfassbare Grausamkeit, Entscheidungen zu treffen.

 


Leseprobe aus Chamäleons:

Anfangs verbrachte ich die Tage mit Zeitung lesen. Am liebsten die Feuilletons der SZ und der Zeit. Manch­mal auch Stern oder Bild. Ich verschlang Be­richte über Schädlingsbekämpfung und alternati­ve Dünger. Ich in­for­mierte mich über Farbberatung und Giftstoffe im Na­gel­lack. Als die Langeweile zu groß wurde, lud ich Net­flix herunter. Wenn ich ein­sam war, las ich Comics, wenn ich sauer war, sah ich mir The Killing an. Ich machte Kreuzworträtsel, lernte Spanisch und chattete mit Tokio. Ich verfass­te Statistiken über die Trefferquo­te der Wettervor­hersagen und analysierte den Wahlver­lust der SPD im Saarland. Ich hörte Musik, strich die Mauern neu und reparierte das Waschbecken. Manch­mal telefonierte ich. Widerwillig, denn das Reden fiel mir schwer. Ich adoptierte einen Wolf in Rumä­nien, spon­serte den FC Ismaning und zeichnete ein neues Logo für den Neufahrner Schützenverein. An manchen Tagen komponierte ich sogar Lieder. Ob­wohl ich nicht mal Noten kenne. Manchmal tat ich nichts.

Vor allem befasste ich mich mit meinen Pflanzen. Su­san­ne, Helmut und Bernd. Morgens fragte ich sie, wie es ihnen gehe. Ich fütterte sie, erzählte ihnen, was mir durch den Kopf ging, und hörte ihnen zu. So gut es halt ging. Irgendwann bestellte ich weite­re Pflan­zen. Ein Olivenbäumchen, das ich auf den Na­men Gior­gio taufte, und einen kleinen Zi­tro­nen­baum, den ich Fran­cesca nannte. Es folg­ten eine Jas­min­pflan­ze, namens Jas­min, ein weiterer Ficus – Klaas – und ein Riesen­kaktus, den ich fei­er­lich auf den Namen Maximus Stache­lus taufte. Er stellte sich mir mit Vor­liebe in den Weg und mor­gens, wenn ich die Tür öffnete, muss­te ich den Bauch einziehen, um mich elegant an ihm vorbeizuschlängeln. An manchen Tagen waren wir gut drauf, an anderen Tagen mittel­mäßig. An ande­ren einfach nur mies. Meistens war es o. k. An Monta­gen teilte ich meinen Kaffee mit ihnen (eine Maschine hatte ich mir nach dreitägigen Testaus­wer­tungen zuge­legt), am Dienstag nahm ich Bernd mit zum Chinesen und anschließend in den Park. Am Mittwoch lud ich Jas­min zum Feierabendbier ein. Fran­cesca war meine Squash­partnerin, aber als sie ver­stärkt Zitronen ließ, be­schloss ich, besser auf Hel­mut umzusteigen. Am Frei­tag gab es Bier und für meine Pflanzen bestes Wasser. Ich sprach über Au­tos, Frauen und Politik. Und wir waren uns je­des Mal einig, dass Farbberatung Unsinn sei. Es war eine gute Zeit. Aber nach genau einem Jahr, am 16. Juni 2017, sollte Schluss sein.
Ich hatte diesen Traum. Ich saß in meinem Büro. An der Tür hing in fetten Buchstaben mein Name. Kon­stantin. Vor dem riesigen Glasfenster standen die Kol­legen und glotzten mich an. Ich versuchte ihnen zu­zuwinken, doch ich konnte nicht. Nur die Pflanzen bewegten sich. Erst langsam, dann etwas schnel­ler und am Ende ganz bestimmt. Sie streck­ten ihre Arme nach mir aus, sie näherten sich in schraubenden Dreh­bewegungen, kamen näher und ich presste mich in mei­nen kalten Stuhl. Ich wollte wegrennen, schaffte es nicht, und als sie vor mir hin und herschwan­gen, be­gann ich zu schrei­en, lauter und immer lauter, aber die Kol­legen, die immer noch draußen vor dem Fens­ter stan­den, blie­ben starr und überließen mich den gie­ri­gen, hung­rigen Klauen des Grünzeugs. Es gab kei­nen Ausweg. Nie­mand wollte mich hören. Während ihre kal­ten Arme sich fest um meinen Hals schlangen und mir den Atem nahmen, bemerkte ich, wie meine Buch­staben Stück für Stück von der Tür purzelten. Am Ende blieb nur ein schiefes K. Als ich kleiner und klei­ner in meinem Bürostuhl wurde und mich schließlich auflöste, sahen die Kollegen wortlos zu.

Dernière modification le mercredi, 28 février 2018 18:53
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