Roland Meyer: Wenn immer alles so einfach wäre

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Sprache: Deutsch
Roman

Op der Lay 188

2018, 360 Seiten

ISBN 978-2-87967-232-8

17,90 €


 

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Roland Meyer, der Autor, der die letzten Jahre ganz überzeugende Bücher in luxemburgischer Sprache (Muedebëtzeg, Roughmix, Zikelalarm I an II, Tel Mo u.a.) schrieb, kommt nun mit einem neuen, ziemlich umfangreichen Buch in deutscher Sprache.

Dennoch bleibt es ein Luxemburger Roman, obschon die Protagonisten zwischen der hektischen Metropole Berlin und der Abgeschiedenheit des Luxemburger Nordens hin und her pendeln, und so kontrastiert die hippe, grelle, alternative Szene Kreuzbergs mit dem konservativen, bürgerlichen Milieu von Luxemburg-Stadt.

Greg Wiesinger lebt in Berlin und ist Firmenberater, er hat nach langen Jahren als Kulturagent nun seine eigene Firma gegründet. Er wird nach Luxemburg gerufen, um das Tourismusministerium bei der Entwicklung des sogenannten „Nation Brandings” zu begleiten.
Hier lernt er die hohe Ministerialbeamtin Nora Zeimes kennen und verliebt sich in sie. Auch Nora möchte ihr Leben ändern, sie kündigt ihre Stelle und zieht aufs Land, in das abgelegene Haus des Luxemburger Autors und Lebenskünstlers Jempi Nosbusch, der, schwerkrank, sich vor kurzer Zeit das Leben genommen hat.
Hier trifft sie auf den jungen Tim, der dem kranken Schriftsteller auf dessen letzten Tagen zur Seite stand und bei der Gartenarbeit geholfen hat. Doch auch Tim sucht nach neuen Wegen; er zieht nach Deutschland und arbeitet dort auf einem Bauernhof, wo alternative Anbau-, Vermarktungs- und Lebensformen ausprobiert werden.
Hannah, Gregs Ehefrau, ist freischaffende Künstlerin, die vor allem in kaum oder schlecht bezahlten pädagogischen Kunstprojekten in Berliner Schulen arbeitet und so finanziell abhängig von ihrem Mann ist. Sie sehnt sich nach sozialer Anerkennung, ist bereit, vieles dafür in Kauf zu nehmen, muss allerdings damit leben, dass Greg sie immer wieder mit anderen Frauen betrügt. Ein sexuelles Abenteuer ihres Mannes mit einer Ex-Kollegin bringt das prekäre Gleichgewicht ihrer Beziehung zum Kippen und stellt die Lebensmodelle der Protagonisten in Frage.

Die Figuren in Roland Meyers neuem Roman „Wenn immer alles so einfach wäre” versuchen dem Hamsterrad der beständigen Selbst-Optimierung, der immer weiter zunehmenden Anforderungen der Konsumgesellschaft zu entkommen, indem sie reduzieren – „weniger ist mehr” –, indem sie aussteigen, sich zurückziehen, indem sie alles scheinbar Überflüssige abstrahieren.
Das wäre wohl nichts Besonderes, wenn Roland Meyer nicht durch seine multiperspektivische Erzählweise eine Spannung aufbauen würde, die den Leser immer weiter fesselt. Schon in der ersten Zeile des Romans schreibt der Schriftsteller Nosbusch wie ein Orakel: „Wenn sie dich freilassen, wirst du mich töten.” Und auf der folgenden Seite betritt der junge Kriminalist Jean-Marie den Tatort nach einem grausamen Mord. Die Spannungskurve steigt an und der Leser weiß nicht, wer Opfer und Täter sind. Aber ein Kriminalroman ist „Wenn immer alles so einfach wäre” doch nicht!.

Roland Meyer ist im Bereich Jugendbuch in Luxemburg sicherlich ein Bestseller-Autor. Doch seit einigen Jahren hat er sich auch sehr erfolgreich der Belletristik in luxemburgischer Sprache zugewandt und sein Roman „Muedebëtzeg” wurde 2012 mit dem Luxemburger Buchpreis in der Sparte „Literatur”, sein Roman „Roughmix” 2015 mit dem Servais-Preis ausgezeichnet.


Auszug aus Wenn immer alles so einfach wäre:

Nosbusch

Wenn sie dich freilassen, wirst du mich töten.
Du wirst dich auf den Weg machen, hierher zu mir, du wirst den Baum fällen, den alten Nussbaum, und dann wirst du mich umbringen. Wenn sich die Gitter hinter dir schließen und du ins Licht trittst, dann wirst du nur daran denken, nur dieser Gedanke wird dich leiten. So wie du die ganze Zeit nur daran gedacht hast, elf Jahre lang, in denen du, eingesperrt wie ein räudiger Hund, auf diesen Tag gewartet hast.
Du wirst dich abseits halten, du wirst keine Straßen benutzen, du wirst durch Wälder und Gebüsch, du wirst durch das Dickicht kommen. Du besitzt das Licht, es wird dich leiten. Du wirst keine Zweifel zulassen, du wirst dir deiner selbst sicher sein, denn die Wahrheit ist auf deiner Seite.
Du wirst zu Fuß kommen und du wirst bewaffnet sein.

 

Jean-Marie

Dass alles so schnell gehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.
Meine Doktorarbeit hatte ich erst vor ein paar Wochenin Brüssel, Université Libre de Bruxelles, verteidigt, meine Mutter war dabei gewesen, meine Freunde, meine Kommilitonen, alles war wunderbar gelaufen, der sogenannte Drink nach meiner Défense publique, das gemeinsame Essen mit den Professoren und dann die Nacht, das Feiern, das Loslassen … selten war ich so besoffen!
Doch das alles war dann sehr theoretisch im Vergleich zu dem, was mich jetzt erwartete. Das hier hatte viel mehr mit dem eigentlichen Leben zu tun als jede Doktorarbeit, jede noch so gut belegte, evidenzbasierte Studie, jedes noch so genau recherchierte Fallbeispiel.
Wir würden den Mörder finden, soviel stand fest, noch ehe ich das Haus betrat, und das Gleichgewicht des Tatorts zerstörte. Vor ein paar Tagen hatte es begonnen zu schneien, es war für November sehr kalt geworden, der Schnee gefror und so waren alle Spuren konserviert.
Und Spuren gab es viele, verdammt viele, das war sofort klar. Der Mörder hatte sich keine Mühe gegeben, sie zu verwischen. Ihm war es scheinbar egal gewesen, ob man ihn identifizieren würde oder nicht. Er war durch den Wald gekommen, die Haustür stand offen, keinerlei Kratzer oder Spuren von Gewalteinwirkung. Als hätten die Opfer ihren Mörder erwartet.
Das einzige Problem waren die Füchse. Sie waren ins Haus eingedrungen, hatten einige Zimmer verwüstet und auch die Leichen nicht unberührt gelassen; ganze Fleischstücke hatten sie aus den toten Körpern herausgerissen. Doch damit mussten unsere Leute klarkommen. Das gehörte zum Job.
Um das Haus herum gab es einen dieser überkandidelten, nutzlosen Gärten, die viel Arbeit machen und nichts bringen, keinen Ertrag, millimetergenau gestutzte Buchsbaumhecken und Eiben, geometrische Rosenbeete, Staudenrabatten, rasierte Rasenparterres. Es lag unmittelbar am Waldrand und hatte einem mir vollkommen unbekannten Luxemburger Schriftsteller gehört, der sich vor geraumer Zeit hier erschoss. Jetzt gehörte es einer mir ebenso unbekannten ehemaligen Ministerialbeamtin, die sich, so wurde erzählt, mit ihren Liebhabern an diesem abgelegenen Ort getroffen haben soll. Das gesamte Areal hatte etwas von einem Rückzugsort, einem Fluchtpunkt, einem kleinen verlogenen Paradies, so wie sich schwärmerische Städter ihr idyllisch-kitschiges Landleben vorstellen.

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