Erny J. Lamborelle: Firwat?

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Sprache: Deutsch
Eine Familientragödie im 2. Weltkrieg
Eine Hommage an meine Großeltern

 

nominéiert fir de Lëtzebuerger Buchpräis 2014

Op der Lay 814

ISBN 978-2-87967-196-3

2014, 2. Oplo 2014, 3. Oplo 2014

496 Seiten, Hardcover

 

39 € 


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Diese Frage „Firwat?" (dt. „Warum?) stellt sich bei der dra­ma­ti­schen Geschich­te ­einer luxem­bur­gi­schen Groß­fa­mi­lie im Zwei­ten Welt­krieg. Da­bei wer­den die völlig unterschied­li­chen Schick­sa­le von drei zwangs­re­kru­tier­ten Söh­nen so­wie die Folter und Hin­rich­tung von Vater Er­nest und sei­ner zwei ältesten Söhne geschil­dert. Im Mit­telpunkt steht die Mut­ter Marie, die mit ih­ren vier min­der­jäh­ri­gen Kin­dern über einen Mo­nat lang mitten ­un­ter SS-Sol­da­ten im eige­nen Haus über­leben muss­te. Da­zu lie­fert die­ses Buch sehr vie­le In­for­ma­tio­nen, aber auch Frage­stel­lun­gen über Zwangs­re­kru­tierung, Wi­der­stand, Kol­la­bo­ra­tion, Exil­re­gie­rung, Epu­ra­ti­on sowie The­men wie Ver­ges­sen, Ver­zeihen, Trauma­bewältigung.

Erny J. Lamborelle hat sehr intensiv über die Geschichte seiner Familie recherchiert, da die Familie Lamborelle aus Crendal in den luxemburgischen Ardennen im letzten Weltkrieg besonders betroffen war. Er macht aber darüber hinaus auch verständlich, wie es zur Zwangsrekrutierung gab, schildert uns das Lagerleben, den Einsatz an der Kriegsfront mit Tagebucheintragungen und Briefen von Familienmitgliedern. Und er geht auch auf die Verhaftung, die Folter und die Hinrichtung von Vater Ernest und zwei seiner Söhne ein. Es ist ein sehr umfangreiches Buch geworden und hier alle Aspekte aufzuzählen, würde wirklich zu weit führen. Aber es ist ein sehr wichtiges Buch, das die Ereignisse im zweiten Weltkrieg verständlich darstellt, und darüber hinaus wichtig ist für das Zusammenleben heute in Europa.

Wohl selten hat ein Buch so viel Interesse in Luxemburg ausgelöst, deshalb war auch eine weitere Auflage innerhalb kürzester Zeit notwendig.


Auszug aus Firwat? (S. 240f):

Samstag, den 16. Dezember 1944

In den frühen Morgenstunden war ein unheimlich starker Lichtstrahl von Clerf herüber in Richtung Westen zu sehen. Es schien, als wenn das ganze Ösling beleuchtet wäre.

«An diesem frühen Dezembermorgen war es bei uns plötzlich so hell wie am Tage», so ein Zeitzeuge aus Bögen.

Und schlimmer noch! Es war nicht zu überhören: Ferner dumpfer Kanonendonner dröhnte ohne Unterlass aus Richtung Clerf, von Osten her, von der deutschen Grenze! In Kréindel kannte besonders Hary diese Geräusche nur zu gut! Aus seinen Fronterfahrungen wusste er, dass die Front höchstens ein Dutzend Kilometer entfernt sein konnte.

In einem großen Teil der Ardennen herrschte zu diesem Zeitpunkt Schneetreiben auf den Höhen mit dichtem Nebel in den Tälern.

Gegen Mittag stellten die Amerikaner die Kanonen bereits hinter Wintger nach Kréindel hin auf. Die Abschusskanonen wiesen nach Osten, in Richtung Clerf.

Die amerikanischen Autos fuhren den ganzen Tag hin und her. Leer waren sie, wenn sie in Richtung Clerf fuhren. Schwer beladen kehrten sie zurück. Ein schlechtes Omen! Sollten die Amerikaner sich wirklich zurückziehen?

Doch alle, auch Ernest Lamborelle aus Kréindel und seine Familie, waren überzeugt, dass dieser deutsche Angriff niemals bis Clerf reichen würde. Die Amerikaner würden schon im Handumdrehen die Angreifer wieder über die Our zurückjagen!

Trotzdem löste die Ankunft der Flüchtlinge in Kréindel allgemein Angst und Unruhe aus. Von Clerf, von Hüpperdingen, von Marnach, von Weicherdingen, von überall kamen sie her!

Alle Dörfer nahe an der deutschen Grenze waren bereits morgens von deutschen Truppen eingenommen worden. Und tatsächlich, noch in der Nacht wurde in vielen Dörfern um Clerf das Allernötigste an Lebensmitteln und Kleidung auf Wagen gepackt. Dann ging die Flucht in Richtung belgische Grenze, ins Ungewisse, bei dunkler Winternacht.

Am Nachmittag mehrten sich die Flüchtlinge, alles Bekannte aus der Gegend von Marnach-Fischbach. Sie waren alle auf der Suche nach einer Unterkunft, alle mit wenigen Habseligkeiten, Lebensmitteln und Kleidung, auf Leiterwagen gepackt. Sie berichteten über deutsche Angriffe und harte Kämpfe zwischen den amerikanischen und deutschen Soldaten.

«D'Preisen sënn zu Kliérëf», hieß es überall. Mit Angst und viel Verwirrung wurde jeder Meldung, und derer gab es gar so viele, Glauben geschenkt.

«Also ist es wahr! Aber Clerf ist noch weit von Kréindel, noch 12 Kilometer! Und dann oben bei Heisdorf-Antoniushof, die große Straße! Der Weg nach Aachen! Den können die Amerikaner nie hergeben», das waren damals Harys Überlegungen. Nackte Angst, ja Panik, trieb die Menschen zur Flucht, dass eine neue deutsche Besatzung bevorstehen würde. Wenn ein Familienvater in überstürzter Eile die allernötigsten Habseligkeiten zusammengepackt, Haus und Hof, Hab und Gut aufgibt und mitten in der Winternacht mit seiner ganzen Familie auf die dunkle Straße, ins Ungewisse flüchtet, dann muss das Angstgefühl schon unvorstellbar groß gewesen sein!

Für viele ging es um das nackte Überleben. Dennoch hofften die meisten, in ein paar Tagen zurückzukommen.

All dies gab Hary, dem Deserteur aus der Wehrmacht, immer mehr zu denken, und langsam schlich eine böse Vorahnung in ihm hoch. Früh abends beriet er sich im Café Lallemand in Trotten mit mehreren befreundeten Refraktären und Deserteuren: «Es war zum Verzweifeln! Die Deutschen sind wieder da! Verschwinden und schnellstens untertauchen, das war für uns eigentlich das einzig Vernünftige. Durften wir unsere Familien im Stich lassen? Das alles kannten wir Refraktäre und Deserteure ja aus eigener Erfahrung. Viel Zeit hatten wir nicht mehr, also mussten wir schnell und sofort handeln! Wir mussten etwas tun, wir mussten weg!»

Ohne richtig zu wissen warum und wohin, fuhr Hary mit zwei Freunden und seinem Vetter Ernest Lamborelle aus Roder, der ebenfalls auf der Flucht war, mit Fahrrädern in Richtung Derenbach.

Auf halben Weg «om Scheed» kamen ihnen drei Fremde entgegen. Kein Gruß, kein Wort! «Wetten, dass dies auch deutsche Soldaten waren», meinte Hary später.

Sie sahen, wie in Heisdorf und Féitsch, bis hin zur «Aalbach», amerikanische Infanteriesoldaten sich eingruben.

Beim großen Tannenwald bei Féitsch fuhren amerikanische Panzer auf, um dort in Stellung zu gehen.

Hier zwischen Heisdorf und Féitsch, knapp 2 - 3 Kilometer von Kréindel entfernt, entgingen sie nur um ein paar Stunden einer fürchterlichen Panzerschlacht, wo die Wehrmacht die Oberhand behielt.

Dicht gedrängte Kolonnen von Panzern, LKWs, Artillerie fuhren an ihnen vorbei. Diese Tatsache beruhigte Hary dann wieder: «An einer solch motorisierten Kraft können keine ‹Preisen› vorbeikommen!»