Nora Wagener: Menschenliebe und Vogel, schrei

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Sprache: Deutsch
Roman

Prix Arts et Lettres 2014

Op der Lay 166

2011, 144 Seiten, Paperback

ISBN 978-2-87967-177-2

11,90 €


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Menschenliebe und Vogel, schrei - Nora Wagener

Das literarische Debüt der jungen luxemburgischen Autorin Nora Wagener bei Op der Lay.

Elke Mackowsky ist eine junge Frau, die mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. Da sie die neue Situation nicht so recht in den Griff bekommt, schlägt ihre Mutter ihr vor, doch mit ihrer Schwester Alela zu der Großmutter aufs Land zu fahren und dort einige Tage zu verbringen. Dort angekommen erlebt Elke eine Mischung aus Kindheitsrinnerungen, Enttäuschung über das Provinzielle und eigentümlichen Gefühlen, die zum Teil durch bizarre Einfälle der Großmutter sowie Erzählungen von deren Freundin hervorgerufen werden.
Nora Wagener überzeugt mit ihrem Talent als Erzählerin schon mit ihrer ersten Veröffentlichung.

Prix Arts et Lettres 2014

Pressestimmen:

Es geht um weit mehr, auch wenn dies paradoxerweise nicht in apokalyptischen Gesten passiert: Es geht um den Platz im Leben und darum, dass man ihn eigentlich nie finden kann, wenn man ihn nicht beständig sucht. In diesem Sinne ist das Buch mehr ein introvertierter Schlüsselroman als eine Reise ans Ende der Nacht.
in: woxx 2012-02-09 | Nr 1149


Auszug aus Menschenliebe und Vogel, schrei:

Ich beschließe prompt, statt einer gleich zwei Flaschen Wein zu kaufen: eine für Oma, eine für mich, um den Tag optisch zu verschönern. Ich könnte mir die Gegend hier ein bisschen anschauen, ein bisschen für mich allein sein, die Flasche leeren. Und dann könnte ich später in die Dorfdisco gehen, das könnte ganz großes Kino werden. Ja, wahrscheinlich würde ich mir die Disco einfach nicht verkneifen können. Es war höchste Zeit, sich den Rest zu geben. Die Happy Hour am Dienstagabend. Aber zuerst das Obst.

*

Den Laden nennen sie hier Laden, weil es ein supermarktähnliches Geschäft ist. Dann gibt es noch einen Metzger, zwei Bäcker, jede Menge Restaurants für die alten Leute. Viel langweiliger als Stadt ist es trotzdem nicht. Die Langweile überdauert und ist beständig. Ich lasse mir Zeit beim Einkaufen, weil ich nicht weiß, was zu tun ist und wo man im Leben eigentlich hingeht.
In Supermärkten bin ich ungern, aber das hier ist ein Laden. Ich freue mich, dass kein alter Mensch im Laden ist, nur ein paar Mütter. Mütter sind an den meisten Orten die schlimmsten, aber in Läden sind es die Alten. Sobald ein Faltenmensch im Laden steht, kommst du nirgends mehr hin. Einer von denen am Kühlregal und du hast besser, die Milchprodukte von der Liste zu streichen. Die Dame an der Kasse fragt mich nach meinem Alter, und ich denke: toll, und dann lächelt sie nicht mal. Ich zeige ihr stumm meinen Ausweis, sie sagt gut, aber entschuldigt sich nicht. Wahrscheinlich aus Prinzip. Wie ein Großherzog, der vor lauter Unabhängigkeit anfängt, in der Öffentlichkeit zu furzen, denke ich und verlasse den Laden. Es war die Porreefrau. Die Elende. Ich habe sie an ihrem Geruch erkannt. Fehlt bloß noch der rappende Knabe. Der Asiat. Und den Kiefermann will ich nie wiedersehen. Vor der Tür stehen zwei Räder, auf deren Lenkern jeweils ein Aufkleber prangt. Auf dem einen steht you're my mate, auf dem anderen shit on you, und ich weiß nicht, ob die zusammengehören.
Hier gibt es nur einen Laden, aber dafür auch keinen Bahnhof, das ist gut so. Bahnhöfe sind das Letzte. Ich korrigiere, eigentlich sind Rollkoffer das Letzte. Ich korrigiere, Bus fahren ist das Letzte.
Von Weitem sehe ich: Der Bus hat die Nonne nicht mitgenommen, und muss einen Umweg machen, weil ich mich vor ihrer Seltsamkeit fürchte. Die Kieselsteine unter meinen Schuhen klingen nach Kindern. Ich gehe an einem Spielplatz vorbei. Die Kinder hören sich nach Kieselsteinen an. Ich halte mir die Ohren zu. Der Junge an der Ecke sagt Hi, und ich halt mir auch noch die Augen zu. Wie geht das?, denke ich und gehe weiter.

*

Ich biege wieder in die Sackgasse ein, die keine Sackgasse ist. Die Kinder vom Nachbarn haben mich damals in den Keller gesperrt und das Licht ausgemacht. Dafür werde ich sie ewig hassen. Nur den Hund werde ich lieben. Ich denke daran, wie ich einmal Schuhe kaufen ging und dann doch nicht, weil ich unglaublich müde wurde und vor Nichtliebe anfing zu schwellen. Ich musste mich im Park ausruhen, mich niederlassen, schlechte Musik hören und Korn trinken, um kotzen zu können, um den Leuten in den Schuhläden auf ihre nackten Waden kotzen zu können. Stattdessen kotzte ich meiner Mutter später ins Waschbecken. Dann fingen wir beide scheußlich an zu weinen, und sie nahm mich in den Arm, drückte fest zu, und ich wünschte mir, sie würde etwas fester drücken, mich zerquetschen, mich tot drücken.