Charles Meder: Aname

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Sprache: Deutsch
Novelle

Op der Lay 184

2016,
200 Seiten, 11,5x18,6 cm, broschiert

ISBN 978-2-87967-220-5

18,90 €


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Fliegen und frei sein. Wie ein Vogel die Flügel ausbreiten, sich in die Lüfte schwingen und endlos Kreise ziehen. Alles hinter sich lassen. Das Belastende, das Vergangene, das Schmerzliche.
Stattdessen sitzt Jule fest. In einem Netz von Verpflichtungen, Erwartungen und Lügen. Als ihre Mutter in ein mysteriöses Wachkoma fällt, potenzieren sich die Ereignisse. Fieberhaft macht Jule sich auf die Suche nach den Ursachen für den Zustand der Mutter, wobei sie immer mehr auf ihre eigene Wahrheit und auf die ihrer Familie stößt. Es ist eine Reise zu den eigenen Wurzeln, an deren Ende ganz Unerwartetes steht.
Jule leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Sie spaltet auf, bewusst oder unbewusst. Ihre Wahrnehmungen, ihre Gefühle, ihre Erinnerungen, ihre Erlebnisse, alles wird auf unterschiedliche Persönlichkeiten aufgeteilt, die abwechselnd die Kontrolle über sie und das Geschehen übernehmen. Doch was von alldem entspricht der Wirklichkeit und was ist nur eingebildet? Wie kann der Leser wissen, was wirklich gewesen ist, wie es gewesen ist und ob es immer noch ist, wenn es denn wirklich gewesen und nicht von ihr imaginiert sein sollte? Ein raffiniertes Spiel, das Jule mit dem Leser spielt.

"Aname" ist jedenfalls ein großer Wurf und dürfte auch über die Landesgrenzen Luxemburgs hinaus Interesse erwecken. woxx 27.01.2017

 


Auszug aus Aname:

4

Jule

Heute Morgen, um kurz vor neun, im Seminar Pla­nungs- und Bauökonomie bei Professor Scholz. Plötzlich klin­gelte mein Handy. Die Klinik. Es gab ein Lebenszei­chen von Mutti.
Ich verließ sogleich den Seminarraum, schwang mich aufs Rad, fuhr zum Bahnhof Zoo und von dort aus mit der S-Bahn zum Wannsee, in die Klinik und gleich zu Mutti aufs Zimmer. Aber was war das? Sie lag unverän­dert in ihrem Bett. Ein regloses Pupillenpaar, das dumpf an der Zimmerdecke klebte und von dieser nicht loszu­kommen schien.
Ich wollte lauthals protestieren und rannte sogleich zur Krankenschwester, die mir ganz aufgeregt einen Zet­tel zeigte, den sie am Morgen in Muttis linker Hand ge­funden hatte.
„Keine Sorgen und keine Tränen! Es ist das zugleich span­nendste und neueste Abenteuer meines Lebens! – Eure Aname“, stand da geschrieben. In großen, deutlich les­baren Lettern.
Ich hätte am liebsten laut geschrien und der Kran­ken­schwester den Zettel an den Kopf geschmissen, wäre da nicht Muttis Handschrift auf einem Notizblock mit Kopf­zeile und Adresse der Klinik gewesen. Es bestand kein Zweifel, es war ihre markante Handschrift, die ich un­ter tausenden wiedererkannt hätte. Aber wie konnte das möglich sein? Und was hatte es zu bedeuten? Ich stand fassungslos da und hörte, wie die Krankenschwes­ter etwas von Verarbeitungsphase und Flashbacks sagte.
Ich ließ sie stehen und lief wieder zu Mutti aufs Zim­mer, hielt ihr den Zettel hin und bat sie unter Tränen um eine Erklärung. „Das ist kein Abenteuer, nicht für mich. Wo bist du? Nun sag doch endlich, was los ist! Wenn du diesen Zettel geschrieben hast, Mutti, dann sag mir end­lich, was das zu bedeuten hat! Sieh dich doch nur an. Wie soll ich mir da keine Sorgen machen? Mutti, hör jetzt bitte auf damit und sag mir endlich, was los ist.“
Als ihre Lippen jedoch auch weiterhin stumm blie­ben, griff ich sie kurzerhand an beiden Oberarmen und schüt­telte sie. Ich wollte, dass sie zu mir zurückkommt und mir alles erklärt. Dass sie zu mir zurückkehrt und für im­mer bei mir bleibt. Dass alles nur eingebildet ist, ein schlechter Traum, die Klinik, die Ärzte, ihr Zustand und diese Notiz von Ana­me.
Die Worte des Stationsarztes, ich solle mich doch be­ru­higen, das sei alles überhaupt gänzlich unmöglich, Mut­ti könne diese Zeilen nicht verfasst haben, es handle sich wohl nur um einen geschmacklosen Scherz, den sich da jemand erlaubt habe, hörte ich nur noch von weitem. Ich war hinausgerannt, schwang mich auf mein Rad und fuhr so schnell ich nur konnte zu Muttis Wohnung, lief ins Schlafzimmer und kramte unter der Decke einen der Ordner hervor, die ich in der Nacht vor dem Gespräch mit Thilo durchgesehen hatte. Und dann hielt ich ihn wie­der in Händen, den Brief, in dem Mutti Aname ge­nannt worden war.