
Nora Wagener |
Menschenliebe und Vogel, schrei |
| Deutsch | Roman |
| Op der Lay 166 | 2011
144 Seiten, Paperback |
| ISBN 978-2-87967-177-2 | 11,90 € in unserem Online-Shop |
| Kindle eBook | 2013 |
| ISBN 978-2-87967-703-3 | Download bei Amazon |
| iPad/iPhone/iPod touch eBook | 2013 |
| ISBN 978-2-87967-403-2 | Download im iTunes Store ![]() |
Das literarische Debüt der jungen luxemburgischen Autorin Nora Wagener bei Op der Lay.
Elke Mackowsky ist eine junge Frau, die mit ihrem Freund Schluss gemacht hat. Da sie die neue Situation nicht so recht in den Griff bekommt, schlägt ihre Mutter ihr vor, doch mit ihrer Schwester Alela zu der Großmutter aufs Land zu fahren und dort einige Tage zu verbringen. Dort angekommen erlebt Elke eine Mischung aus Kindheitsrinnerungen, Enttäuschung über das Provinzielle und eigentümlichen Gefühlen, die zum Teil durch bizarre Einfälle der Großmutter sowie Erzählungen von deren Freundin hervorgerufen werden.
Nora Wagener überzeugt mit ihrem Talent als Erzählerin schon mit ihrer ersten Veröffentlichung.
Pressestimmen:
Es geht um weit mehr, auch wenn dies paradoxerweise
nicht in apokalyptischen Gesten passiert: Es geht um den Platz im Leben und darum, dass man ihn eigentlich nie finden kann, wenn man ihn nicht
beständig sucht. In diesem Sinne ist das Buch mehr ein introvertierter Schlüsselroman als eine Reise ans Ende der Nacht.
in: woxx 2012-02-09 | Nr 1149
Auszug aus Menschenliebe und Vogel, schrei
Den Laden nennen sie hier Laden, weil es ein supermarktähnliches
Geschäft ist. Dann gibt es noch einen
Metzger, zwei Bäcker, jede Menge Restaurants für die
alten Leute. Viel langweiliger als Stadt ist es trotzdem
nicht. Die Langweile überdauert und ist beständig. Ich
lasse mir Zeit beim Einkaufen, weil ich nicht weiß, was
zu tun ist und wo man im Leben eigentlich hingeht.
In Supermärkten bin ich ungern, aber das hier ist
ein Laden. Ich freue mich, dass kein alter Mensch im
Laden ist, nur ein paar Mütter. Mütter sind an den
meisten Orten die schlimmsten, aber in Läden sind es
die Alten. Sobald ein Faltenmensch im Laden steht,
kommst du nirgends mehr hin. Einer von denen am
Kühlregal und du hast besser, die Milchprodukte von
der Liste zu streichen. Die Dame an der Kasse fragt
mich nach meinem Alter, und ich denke: toll, und
dann lächelt sie nicht mal. Ich zeige ihr stumm meinen
Ausweis, sie sagt gut, aber entschuldigt
sich nicht. Wahrscheinlich aus Prinzip. Wie ein Großherzog, der
vor lauter Unabhängigkeit anfängt, in der Öffentlichkeit
zu furzen, denke ich und verlasse den Laden. Es
war die Porreefrau. Die Elende. Ich habe sie an ihrem
Geruch erkannt. Fehlt bloß noch der rappende
Knabe. Der Asiat. Und den Kiefermann will ich nie wiedersehen.
Vor der Tür stehen zwei Räder, auf deren Lenkern
jeweils ein Aufkleber prangt. Auf dem einen steht you're
my mate, auf dem anderen shit on you, und ich weiß
nicht, ob die zusammengehören.
Hier gibt es nur einen Laden, aber dafür auch keinen
Bahnhof, das ist gut so. Bahnhöfe sind das Letzte.
Ich korrigiere, eigentlich sind Rollkoffer das Letzte. Ich
korrigiere, Bus fahren ist das Letzte.
Von Weitem sehe ich: Der Bus hat die Nonne nicht
mitgenommen, und muss einen Umweg machen, weil
ich mich vor ihrer Seltsamkeit fürchte. Die Kieselsteine
unter meinen Schuhen klingen nach Kindern. Ich gehe
an einem Spielplatz vorbei. Die Kinder hören sich nach
Kieselsteinen an. Ich halte mir die Ohren zu. Der Junge
an der Ecke sagt Hi, und ich halt mir auch noch die
Augen zu. Wie geht das?, denke ich und gehe weiter.
Ich biege wieder in die Sackgasse ein, die keine Sackgasse
ist. Die Kinder vom Nachbarn haben mich damals
in den Keller gesperrt und das Licht ausgemacht.
Dafür werde ich sie ewig hassen. Nur den Hund werde
ich lieben. Ich denke daran, wie ich einmal Schuhe
kaufen ging und dann doch nicht, weil ich unglaublich
müde wurde und vor Nichtliebe anfing zu schwellen.
Ich musste mich im Park ausruhen, mich niederlassen,
schlechte Musik hören und Korn trinken, um kotzen
zu können, um den Leuten in den Schuhläden auf ihre
nackten Waden kotzen zu können. Stattdessen kotzte
ich meiner Mutter später ins Waschbecken. Dann fingen
wir beide scheußlich an zu weinen, und sie nahm
mich in den Arm, drückte fest zu, und ich wünschte
mir, sie würde etwas fester drücken, mich zerquetschen,
mich tot drücken.
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