roger manderscheid

die dromedare

Sprache: Deutsch stilleben für johann den blinden
Op der Lay 118 1996, 224 Seiten, Paperback
ISBN 978-2-87967-043-0 13,50 €


die dromedare war der erste moderne luxemburgische Roman in deutscher Sprache. Da die Originalausgabe von 1973 aus dem lochness-verlag luxemburger autoren vergriffen war und dieses Buch seit Jahren einen Kultstatus innehat, besorgte der Verlag Op der Lay Ende 1996 eine Neuauflage. Dieses Buch ist ein Schlüsselroman zum Verständnis von Roger Manderscheids Werk, viele Aspekte, die später in den luxemburgischen Romanen dieses Autors auftauchen, sind schon in den dromedaren zu finden. Auf die neue luxemburgische Schriftstellergeneration, wie Georges Hausemer, René Clesse, Jean-Michel Treinen, Robert Gollo Steffen u. a., hatte dieser Roman eine unwahrscheinliche Wirkung, nachzulesen in der Festschrift zu Roger Manderscheids 60. Geburtstag aschlofen ënnert engem roude stärenhimmel as méi wéi geféierlech mit Beiträgen von Pol Greisch, Josiane Kartheiser, Guy Rewenig, Georges Hausemer, Anise Koltz, Josy Braun, René Clesse, Michel Raus, Robert Gollo Steffen, Jean-Paul Jacobs, Jean-Michel Treinen, Roger Schiltz, Germaine Goetzinger, Cornel Meder, Margret Steckel. Ohne dieses Buch sähe die Luxemburgensia heute anders aus.

Von Roger Manderscheid ist im Verlag Op der Lay auch eine Sammlung von luxemburgischen und deutschen Limericks erschienen: hannerwëtz mat bireschnëtz. lëtzebëtz. Außerdem gibt es die Audiocassette Biller vum Duerf, auf der Roger Manderscheid und Guy Rewenig Auszüge aus ihren luxemburgischen Büchern lesen.


Auszug aus die dromedare

3
wagner. – diese stadt ist eine stadt wie sie im bilderbuch steht. hier ist die luft in der luft; hier hängen die blätter der bäume an der zweigen der äste; hier ist alles fast noch genau so wie es gestern war: die altstadt ist alt, die neue brücke neunzig, die strassen führen, die bürger steigen, der klerus klärt, die frauen erwecken eindruck, aus den kindern werden leute, die laufen hin und her, das ist eine sensation, weil hier alles so still ist und daliegt wie ein stein auf dem anderen, sehr reizvoll die landschaft, eine uhr, die nachgeht, eine mit silberkette, vom grossvater her, die man nicht wegwerfen will, weil sie einzig in ihrer art ist. wahrzeichen der stadt, kirchberg, das ewige lämpchen europas, das hochhaus, ein phall für sich, mit drei eicheln, ein fruchtbarer landstrich, sagengestalt: melusina, das fischweib, die dame ohne unterleib. daher also, sagt mein tischnachbar. gruppenbild in der zeitung gesehen: stadtväter mit dame, zinnsoldaten, nur der springbrunnen springt vor dem stadthaus die roten löwen sind nicht rot sondern schwarz wie der schnee in der nacht ganovensicher unter eichenlaub begraben keine uni hier glücklicherweise polizei eine halbe überall in den ferien geöffnet in bereitschaft knüppeldick bäume die avenue der freiheit früher adolf-hitlerstrasse hier herrscht ein eherner geist in den fertigbauschulen das sind häuser der zucht, zuchthäuser sagt mein nachbar, die wirkliche köpfe heranziehen kohlköpfe werden in grosser zahl angepflanzt; hier begegne man auf schritt und tritt sich selber, sagt der einheimische, wer hier morgens weggehe und abends in den internationalen tv-schoss der familie zurückkehre, trage eine beule, das finde ich nicht, der breitenweg messe eineinhalb meter, ich meine, idylle hat ihren preis; die lage der stadt ist einmalig, ihre geschichte eng mit der geschichte europas verflochten, genau so eng, sagt der nachbar, wie die familienbande, die sie beherrsche, mit der macht.
 

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